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Impferfahrung

Am 18.05.2021 um 09:56 Uhr durchfloss feinster BioN-Tech Impfstoff meinen Rebensaft-gestählten Körper. Nun war das nicht die erste Impfung meines Lebens. Im noch auffindbaren Impfbuch ist das nun Nr. 15 – das nachfolgende Impfbuch muss ich wohl im Ausland verloren haben, dort waren aber mindestens weitere 5 Impfungen dokumentiert. Zugegeben vielleicht etwas mehr als der Durchschnitt, aber ich war viel in Südostasien unterwegs war, Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie und Hepatitis beruhigen bei Reisen nach Indien und Malaysia ein wenig.

Eine solche Massenimpfung habe ich aber bewusst in meinem Leben noch nicht erlebt (bei Polio hatte ich noch zu viel Brei im Kopf), daher drängt es mich, ein paar Eindrücke zu dokumentieren.

– E-Mail vom Impfzentrum am Sonntag 14:44 Uhr. Anmelden, Wunschtermin! Vormittags/nachmittags (1. und 2. Impfung) auswählen, reservieren. Bestätigung mit QR-Code auf dem Handy speichern (DSGVO-konform).

– Termin Dienstag 10:15 Uhr. Hinweis, man möge bitte pünktlich sein, der Impfstoff muss schließlich aufgetaut werden und in der Folge recht zügig geimpft werden. Vor lauter Angst ich könnte zu spät kommen, verfuhr ich nach der von meinem alten Herrn sozialisierten Weisheit: „Eine viertel Stunde vor der Zeit ist des Soldaten Pünktlichkeit.“ Ankunft Impfzentrum, ausgewiesener Parkplatz, einmal über die Straße, ich stehe um 09:50 Uhr vor einem Sicherheitsmitarbeiter, der mich mit einem Lächeln begrüßt und mich nach kurzem Blick auf meine Papiere mit meinem Namen anspricht. Bitte gehen Sie zu einem freien Anmeldeschalter Herr Viefhaus. Dort angekommen begrüße ich den Mitarbeiter hinter der Glasscheibe und schiebe meine Papiere durch den Schlitz. Der junge Mann schaut mich an und fragt mit lächelnden Augen: „Wie geht es Ihnen heute Herr Viefhaus?“. Spätestens jetzt macht sich in meinem Kopf Verwirrung breit. Bin ich hier ein VIP, oder warum sind die alle so sch…freundlich? Der freundliche junge Mann schickt mich gegenüber an einen Schalter zur Aufklärung. „Guten Morgen Herr Viefhaus, mein Name ist Dr. xxxx“. Ich drehe mich um und suche die versteckte Kamera. Dr. xxxx ist Assistenzarzt in der Chirurgie im örtlichen Krankenhaus, wie ich später erfahre. Er fragt also das Übliche ab und klickt seine Checkliste am Monitor durch. Dann die letzte Frage: Warum wollen Sie sich impfen lassen? Ich verstehe die Frage nicht, akustisch – dachte ich. Er wiederholt die Frage, ich hatte sie doch richtig verstanden. Ich schaue ihn etwas verwirrt an und antworte nachfragend: Weil ich nicht krank werden will? Er lacht laut und sagt erklärend, das könne er nicht anklicken, sollen wir „wegen der Arbeitsstelle“ anklicken? Ich stimme zu und er erklärt weiter: Wenn Sie heute Abend etwas Temperatur bekommen, nehmen Sie ein Aspirin, ok? Gehen Sie jetzt bitte gegenüber in die Impfkabine, ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Ich drehe mich um und ein älterer Herr vom Sicherheitsdienst steht vor mir: Guten Morgen, bitte hier entlang, Kabine 2 ist für Sie frei, bitte machen Sie den Oberarm frei. Er schließt die Türe hinter mir. Im selben Moment kommt eine Frau mit grünem Kittel herein, nimmt meine Papiere und sagt: Guten Morgen Herr Viefhaus, mein Name ist xxxx, Sie bekommen von mir BioN-Tech Impfstoff. Ich setze mich und frage: Was muss ich tun, damit es nicht wegtut? Sie antwortet: Ist schon erledigt, Herr Viefhaus, bitte gehen Sie nach rechts zu dem roten Tresen, einen schönen Tag noch. Ich verlasse die Kabine, gehe 3 Schritte nach rechts, eine ältere Dame kommt auf mich zu und sagt: Ich nehme Ihnen das ab, warten Sie einen Moment. Nach 30 Sekunden kommt Sie mit einem Bestätigungspapier zurück und sagt: Bitte setzten Sie sich für 10 Minuten in den Wartebereich Herr Viefhaus, dann können Sie gehen, Auf Wiederschauen.

– Bis dahin waren 8 Minuten vergangen.

– Ich verlasse das Impfzentrum um 10:10 Uhr, der Sicherheitsmitarbeiter der mich empfangen hat ruft mir hinterher: Alles Gute! Ich sitze um 10:12 Uhr wieder in meinem Auto, drei Minuten vor dem vereinbarten Impftermin. Ich muss mir erstmal eine Zigarette drehen und kann minutenlang nichts Anderes denken als: Was war das denn jetzt?

Fazit:

Was diese Leute leisten, was hier organisiert wurde (von Unternehmen, Staat, Kommune bis zur Krankenschwester), ist mehr als beeindruckend. Die Freundlichkeit und Professionalität ist eine wohltuende Ohrfeige in die Fratze meiner misanthropischen Existenz. Das medial unterstütze Rumgenöle – zu spät, zu wenig, zu langsam – ist ungerecht, eine Schande und eine Unverschämtheit den Verantwortlichen und Agierenden gegenüber.

Und zum Schluss noch eine Auffälligkeit: Ich habe nirgendwo eine „Kasse“ gesehen. Eine Dosis BioN-Tech kostet etwa 17€. Zuzüglich Organisation und Personal wären das wahrscheinlich 50€ pro Impfung. Für eine vollständige Impfung also 100€, vielleicht 200? Wo kann ich das bezahlen? Mit meinen Steuern bezahle ich gerne für die, die es sich nicht leisten können. Irgendwo ist doch da der Wurm drin.

Sicher gibt es Menschen, die andere Erfahrungen gemacht haben und anders über all das denken. Ich musste das aber jetzt mal „aus meiner Sicht“ loswerden.